{"id":168,"date":"2009-10-20T20:21:06","date_gmt":"2009-10-20T18:21:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.eisner-elearning.at\/40_vorwaerts\/?p=168"},"modified":"2009-10-20T20:21:06","modified_gmt":"2009-10-20T18:21:06","slug":"senioren-und-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/?p=168","title":{"rendered":"Senioren und Arbeit"},"content":{"rendered":"<div id=\"singlePage\">\n<div id=\"singleExcerpt\">\n<p><strong>Senioren an die Arbeit<\/strong><\/p>\n<p id=\"theExcerpt\">Wir Europ\u00e4er kriegen kaum noch Kinder. Auf die Dauer gef\u00e4hrdet  das unseren Wohlstand. Aber es gibt einen Ausweg.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"singleContent\">\n<div>\n<div id=\"postEntryLeft\">\n<p>In den letzten dreissig Jahren ist Westeuropa wirtschaftlich hinter die  Vereinigten Staaten zur\u00fcckgefallen. Seit 1980 liegt der Anstieg des  US-Bruttoinlandsprodukts im Jahresschnitt um 0,8 Prozent \u00fcber dem der  EU-15-Mitgliedsstaaten. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Verlangsamung des Wachstums sind vor  allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu suchen. Doch auch demografische  Trends spielen eine Rolle. Die Bev\u00f6lkerung Westeuropas wird bekanntlich immer  \u00e4lter, die Geburtenrate liegt deutlich unter der zur Bestandserhaltung  erforderlichen Zahl.<\/p>\n<p>Doch die wirtschaftlichen Folgen dieser demografischen Entwicklung sind gar  nicht mal d\u00fcster. Denn die alternde Bev\u00f6lkerung ist bemerkenswert gesund.  Deshalb k\u00f6nnen die Westeurop\u00e4er l\u00e4nger im Berufsleben bleiben als fr\u00fcher. Sogar  l\u00e4nger als ihre Altersgenossen in Amerika.<\/p>\n<p>Aus dem gesunden \u00e4lterwerden lassen sich \u00f6konomische Vorteile ziehen. Daf\u00fcr  m\u00fcssten die Westeurop\u00e4er aber ihren Lebensstil \u00e4ndern. Wenn sie in den n\u00e4chsten  Jahren weiterhin ihren hohen Lebensstandard geniessen wollen, m\u00fcssen sie sich  der neuen demografischen Situation stellen. Sonst werden langsames Wachstum,  Stagnation oder sogar ein Niedergang die Folge sein.<\/p>\n<p><strong>Seniorenheim Westeuropa<\/strong><\/p>\n<p>2005 lebten in Westeuropa 100 Millionen mehr als in den Vereinigten Staaten.  Im Jahr 2030 werden es nur noch 35 Millionen mehr sein. W\u00e4hrend die  US-Bev\u00f6lkerung bis dahin um etwa 65 Millionen anwachsen wird, wird die  Bev\u00f6lkerung Westeuropas faktisch stagnieren. Auch die Altersstrukturen werden  sich ver\u00e4ndern. 2005 gab es in praktisch allen Altersgruppen mehr Westeurop\u00e4er  als Amerikaner, in der Altersgruppe der 35- bis 49-J\u00e4hrigen waren es 37 Prozent  mehr. Im Jahr 2030 wird es in dieser Altersgruppe fast so viele Amerikaner wie  Westeurop\u00e4er geben, und bei den unter 30-J\u00e4hrigen wird es deutlich mehr  Amerikaner geben.<\/p>\n<p>Westeuropa schl\u00e4gt die Vereinigten Staaten nur in der Altersgruppe 80 plus.  Schon 2005 war Westeuropa merklich grauer: Das mittlere Alter lag bei etwa 40  Jahren, gegen\u00fcber 36 Jahren in den Vereinigten Staaten. Und w\u00e4hrend das mittlere  Alter der Westeurop\u00e4er bis 2030 um durchschnittlich zwei Tage pro Woche steigen  und im Jahr 2030 bei knapp 47 Jahren liegen wird, wird das mittlere Alter der  Amerikaner dann bei 39 Jahren liegen \u2013 deutlich unter der westeurop\u00e4ischen Marke  von heute. 2030 wird ein Viertel der Westeurop\u00e4er 65 Jahre oder \u00e4lter sein, und  es wird etwa doppelt so viele Senioren wie Kinder (unter 15 Jahren) geben. In  den USA werden 2030 weniger als ein F\u00fcnftel der Einwohner Senioren sein, und die  Zahl der Kinder wird weiterhin \u00fcber derjenigen der Senioren liegen.<\/p>\n<p>Ebenso interessant sind Trends innerhalb der Erwerbsbev\u00f6lkerung. In  Westeuropa wird der Anteil der Personen im \u00abwirtschaftlich aktiven Alter\u00bb (nach  allgemeiner Definition 15- bis 64-J\u00e4hrige) in den n\u00e4chsten Jahrzehnten sinken.  Nach Sch\u00e4tzungen des Statistischen Bundesamts der USA wird die  Erwerbsbev\u00f6lkerung in Westeuropa zwischen 2010 und 2030 um mehr als 20 Millionen  (\u00fcber 8 Prozent) zur\u00fcckgehen. In den Vereinigten Staaten wird diese Gruppe,  obwohl ihr Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung ebenfalls zur\u00fcckgehen wird, im selben  Zeitraum um mehr als 20 Millionen anwachsen.<\/p>\n<p>Versch\u00e4rfend kommt hinzu, dass sich die demografische Struktur der  Erwerbsbev\u00f6lkerung in Westeuropa in einer Weise ver\u00e4ndern wird, die f\u00fcr die  Produktivit\u00e4t der Region nichts Gutes verheisst. Neuerungen, Erfindungen und  technologische Durchbr\u00fcche entfallen vor allem auf die Altersgruppe der 30- bis  44-J\u00e4hrigen. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Nobelpreistr\u00e4ger in den Bereichen  Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaftswissenschaften und die meisten namhaften  Patentinhaber haben ihre gr\u00f6ssten Leistungen in dieser Lebensphase erbracht. Die  Zahl der 30- bis 44-j\u00e4hrigen Westeurop\u00e4er wird bis 2030 um 20 Prozent sinken \u2013  von 91 Millionen auf 72 Millionen. Obwohl der Lebensmittelpunkt von  Wissensproduzenten im Internet-Zeitalter vermutlich nicht mehr so entscheidend  ist, so spielt dieser Faktor auch weiterhin eine Rolle, weil auch in Zukunft  allt\u00e4gliche Verbesserungen direkt am Arbeitsplatz gefragt sein werden.<\/p>\n<p><strong>Keine Geburtenpolitik<\/strong><\/p>\n<p>All diese bevorstehenden demografischen Entwicklungen werden dem Streben der  Westeurop\u00e4er nach einem fortgesetzten Wirtschaftswachstum im Wege stehen.  Sch\u00f6nreden wird daran nicht viel \u00e4ndern \u2013 ebenso wenig praktische Schritte, die  heute schon beschlossen werden. Selbst mit konzertierten politischen Massnahmen  w\u00e4re die Chance ausserordentlich gering, die Trends umkehren oder auch nur  verlangsamen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach Angaben der Br\u00fcsseler Statistikbeh\u00f6rde Eurostat erreichte die  Sterbeziffer in Westeuropa im Jahr 2005 fast schon die Geburtenrate. Der  Zeitpunkt, an dem die Sterbeziffer die Geburtenrate \u00fcbersteigt, ist in  Westeuropa nahe \u2013 manchen Sch\u00e4tzungen zufolge k\u00f6nnte das schon 2007 der Fall  sein.<\/p>\n<p>Die meisten Prognosen deuten darauf hin, dass die Bev\u00f6lkerung Westeuropas  durch Zuwanderung bis 2030 netto ungef\u00e4hr auf dem gleichen Stand bleiben wird.  Offizielle Zahlen aus Amerika und der EU gehen von einer Nettoeinwanderung nach  Westeuropa bis 2030 von j\u00e4hrlich etwa 700 000 Personen aus (etwas weniger als in  den letzten zehn Jahren). Wegen des fortbestehenden Missverh\u00e4ltnisses von  Geburten und Todesf\u00e4llen w\u00fcrden aber selbst diese Zuwanderer den  unausweichlichen Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang nur aufschieben.<\/p>\n<p>Auch wenn diese Prognosen nur Prognosen sind, die man zerpfl\u00fccken und  anzweifeln kann, so zeigen sie doch, wie stabil einige demografische Trends sein  werden. Man nehme nur die Geburtenrate in Westeuropa.<\/p>\n<p>2004 lag die Fertilit\u00e4t aller geb\u00e4rf\u00e4higen Frauen in der EU-15 um 12 Prozent  unter derjenigen von Frauen des Jahrgangs 1965, die also kurz vor Erreichen des  vierzigsten Lebensjahrs standen. Diese Diskrepanz k\u00f6nnte unter anderem darauf  verweisen, dass westeurop\u00e4ische Frauen den Zeitpunkt ihrer Mutterschaft immer  weiter hinausschieben. Da in den letzten Jahrzehnten der Anteil von unter  50-j\u00e4hrigen Frauen, die heiraten, dramatisch gesunken und der Anteil der  verheirateten Frauen, die sich scheiden lassen, dramatisch gestiegen ist, wird  die durchschnittliche westeurop\u00e4ische Familie tendenziell kleiner werden als  noch vor ein, zwei Jahrzehnten. \u00fcberdies ist es sehr schwierig und kostspielig,  durch staatliche Anreize eine dauerhafte und signifikante Steigerung der  Geburtenrate zu erreichen. Entsprechende Massnahmen haben langfristig meist sehr  wenig bewirkt. Zwei franz\u00f6sische Wissenschaftler haben k\u00fcrzlich dargelegt, dass  die Fruchtbarkeitsrate in Frankreich durch staatliche F\u00f6rderung in  Milliardenh\u00f6he nur um 0,1 Geburten pro Frau (gerechnet auf die gesamte  Lebenszeit) erh\u00f6ht w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch hinsichtlich der Zuwanderung hat Westeuropa weniger Optionen, als man  zun\u00e4chst annehmen w\u00fcrde. Einerseits w\u00e4re eine signifikante Verringerung der  Nettozuwanderung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten t\u00f6richt, da  Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang und \u00fcberalterung durch die Einwanderer verlangsamt werden.  Ohne Einwanderung w\u00fcrde laut Eurostat die Gesamtbev\u00f6lkerungszahl der EU-15 im  Jahr 2030 um etwa 27 Millionen unter den gegenw\u00e4rtigen Prognosen liegen, und  fast 20 Millionen dieses Verlustes w\u00e4ren Berufst\u00e4tige. Andererseits k\u00f6nnte eine  Zunahme der Einwanderung problematisch sein, da Westeuropa noch keine allgemein  praktikable Formel entwickelt hat, wie man aus allen Einwanderern loyale und  produktive Staatsb\u00fcrger macht. Die vielen Erfolgsgeschichten von Immigranten  sollen damit keineswegs geleugnet werden. Auch wenn in den Medien wenig dar\u00fcber  berichtet wird, wie entschlossen die allermeisten Einwanderer um Integration in  ihre neue Heimat bem\u00fcht sind.<\/p>\n<p><strong>Alt, aber sehr gesund<\/strong><\/p>\n<p>Westeuropa hat jedoch einen eindeutigen, riesigen demografischen Vorteil  gegen\u00fcber den Vereinigten Staaten: Seine Bev\u00f6lkerung ist zwar relativ alt, aber  auch bemerkenswert gesund. So gesund wie noch nie zuvor.<\/p>\n<p>Dieser Faktor ist wichtig f\u00fcr die Konkurrenzf\u00e4higkeit, da Wachstum heutzutage  eher auf menschlichen als auf nat\u00fcrlichen Ressourcen beruht. Gesundheit  verbessert nicht nur die k\u00f6rperliche Leistungsf\u00e4higkeit, sie erleichtert auch  den Erwerb von Wissen und Kompetenzen, die sich im Informationszeitalter bezahlt  machen. Man kann sagen: Gesundheit gleich Wohlstand.<\/p>\n<p>Wenngleich Mortalit\u00e4tsraten nicht unbedingt auf mangelhafte Gesundheit der  Lebenden hinweisen, so ist Langlebigkeit in der Regel ein guter Indikator der  allgemeinen Gesundheit und wirtschaftlichen Leistungsf\u00e4higkeit einer Population.  Jedes zus\u00e4tzliche Jahr Lebenserwartung entspricht einer Steigerung des  Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts um etwa 7 Prozent. Dieses Verh\u00e4ltnis zwischen  Gesundheit und \u00f6konomischem Potenzial ist \u00e4usserst komplex, aber die positive  Korrelation ist in vielen L\u00e4ndern zu einem bestimmten Zeitpunkt, aber auch in  einem Land \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg beobachtet worden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Westeurop\u00e4er sind Langlebigkeit und Gesundheit genau die Faktoren,  die ihnen einen Vorteil gegen\u00fcber der \u00fcbrigen Welt (einschliesslich der  Vereinigten Staaten) verschaffen. Die Lebenserwartung in den USA liegt etwa ein  Jahr unter derjenigen in Westeuropa und drei bis vier Jahre unter derjenigen in  den reichsten (und ges\u00fcndesten) L\u00e4ndern Westeuropas, etwa Norwegen und der  Schweiz. 2003 lag die Lebenserwartung amerikanischer M\u00e4nner bei 74,8 Jahren,  verglichen mit 76,0 Jahren in der EU-15; bei Amerikanerinnen betrug die  Lebenserwartung 80,1 Jahre, bei Westeurop\u00e4erinnen 81,7 Jahre. In Westeuropa  hatten nur portugiesische M\u00e4nner und D\u00e4ninnen eine geringere Lebenserwartung als  ihre amerikanischen Geschlechtsgenossen.<\/p>\n<p>Ihre Gesundheit verschafft den Westeurop\u00e4ern wichtige Wettbewerbsvorteile.  Nach den neuesten verf\u00fcgbaren Daten hatte ein 20-j\u00e4hriger Amerikaner im Jahr  2002 ein 18-prozentiges Risiko, seinen 65. Geburtstag nicht zu erleben \u2013 bei  einem gleichaltrigen Deutschen lag dieses Risiko bei 14 Prozent, bei einem  gleichaltrigen Italiener bei 12 Prozent. Solche Unterschiede in der  Lebenserwartung wirken sich positiv auf das Wirtschaftspotenzial eines Landes  aus, nicht zuletzt, weil Langlebigkeit die Kosten-Nutzen-Rechnung bez\u00fcglich  einer eventuellen h\u00f6heren Schulbildung entscheidend beeinflusst: Die Aussicht,  l\u00e4nger zu leben, ermutigt eher zu Investitionen in Bildung und tr\u00e4gt daher zu  h\u00f6herer Produktivit\u00e4t bei.<\/p>\n<p>Ein weiterer wirtschaftlicher Vorteil eines gesunden Alterns besteht darin,  dass in einer Gesellschaft leistungsf\u00e4higere Senioren leben. Der Gewinn besteht  nun nicht darin, Urgrosseltern zur Arbeit zu schicken, sondern vor allem in  einer gr\u00f6sseren Leistungsf\u00e4higkeit von Menschen in den F\u00fcnfzigern und  Sechzigern. Die Generation der Westeurop\u00e4er, die gegenw\u00e4rtig zwischen 50 und 74  Jahre alt sind, ist k\u00f6rperlich fitter und besser ausgebildet, als es  Generationen dieser Altersgruppe in Westeuropa je waren. Im Laufe des n\u00e4chsten  Vierteljahrhunderts werden sich Gesundheit und Bildungsstand \u00e4hnlicher Kohorten  noch weiter verbessern \u2013 bei gleichzeitiger Verbesserung der allgemeinen  Arbeitsbedingungen in der westeurop\u00e4ischen Wissens- und  Dienstleistungsgesellschaft. All das d\u00fcrfte zu einer wachsenden wirtschaftlichen  Aktivit\u00e4t unter \u00e4lteren Westeurop\u00e4ern beitragen.<\/p>\n<p>Westeuropa muss sich also fragen, wie es die Chancen, die sich aus einem  gesunden Altern und einer l\u00e4ngeren Lebensarbeitszeit ergeben, wahrnehmen will.  Vermutlich wird man die Berufst\u00e4tigen dazu anhalten, l\u00e4nger zu arbeiten \u2013 die  heutige Generation bis in die Sechziger, sp\u00e4tere Generationen vielleicht sogar  bis in die Siebziger. Daraus w\u00fcrde sich ein Anstieg der allgemeinen Kaufkraft  ergeben, die Gesellschaft w\u00fcrde wohlhabender, es erg\u00e4ben sich mehr  M\u00f6glichkeiten, Geld zu sparen und anzulegen, was langfristig wiederum das  Wachstum beschleunigen w\u00fcrde. \u00fcberdies sind die Alternativen wenig attraktiv.  Ohne verl\u00e4ngerte Lebensarbeitszeit m\u00fcssten, um ein ausgeglichenes Verh\u00e4ltnis von  Einkommen und Konsum zu erreichen, entweder Konsum oder Sparen oder  Investitionen eingeschr\u00e4nkt werden, oder die \u00e4lteren m\u00fcssten ihre  Lebenserwartung zur\u00fcckschrauben. Das Potenzial der Gesundheitsexplosion in  Europa vollst\u00e4ndig zu nutzen \u2013 das ist der Schl\u00fcssel zu einer weiteren St\u00e4rkung  von Wohlstand und Entwicklung dieser Region.<\/p>\n<p><strong>Fertig mit der Dolce Vita<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten dreissig Jahren haben Westeurop\u00e4er ihre gestiegene  Lebenserwartung \u2013 und noch viel mehr \u2013 ausschliesslich unter dem Aspekt der  Freizeit gesehen. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter ist gesunken. In  Frankreich stieg zwischen 1960 und der Jahrtausendwende die Lebenserwartung von  M\u00e4nnern um etwa acht Jahre, w\u00e4hrend das Renteneintrittsalter um etwa sieben  Jahre zur\u00fcckging. Zugegeben, Frankreich ist ein Extrembeispiel, aber der  ultimative lange Urlaub \u2013 das Rentenalter \u2013 ist \u00fcberall in Westeuropa sehr viel  l\u00e4nger geworden. Nie zuvor sind \u00e4ltere Europ\u00e4er so gesund gewesen, und nie zuvor  haben sie so wenig gearbeitet. Nach Angaben der OECD stieg die erwartete  durchschnittliche Rentenbezugsdauer in Deutschland zwischen 1970 und 2004 um  etwa neun und in Spanien um etwa zehn Jahre. In einigen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern  verdoppelte sich die Dauer des Rentnerdaseins.<\/p>\n<p>Mit dieser deutlichen Steigerung der Rentenbezugsdauer geht eine deutliche  Zunahme der Zahl derjenigen einher, die vorzeitig aus dem Erwerbsleben  ausscheiden. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) stand  2005 in Griechenland nur die H\u00e4lfte aller Endf\u00fcnfziger im Erwerbsleben. In  \u00f6sterreich war 2004 nicht einmal jeder achte 60-J\u00e4hrige noch berufst\u00e4tig. In  D\u00e4nemark tauchen \u00fcber 66-J\u00e4hrige gar nicht mehr in der Arbeitsstatistik auf.  Grund f\u00fcr die enorme Verl\u00e4ngerung des Ruhestands ist nicht nur die bessere  gesundheitliche Verfassung der \u00e4lteren, sondern auch der viel zu fr\u00fchzeitige  Ausstieg vieler \u00e4lterer aus dem Berufsleben.<\/p>\n<p>In Westeuropa kommt dieser Trend zu einem besonders ung\u00fcnstigen Zeitpunkt.  Laut Prognosen der OECD wird \u2013 bei Fortdauer anderer Trends \u2013 die Zahl der  Erwerbst\u00e4tigen in der EU zwischen 2000 und 2030 j\u00e4hrlich um etwa 0,2 Prozent  zur\u00fcckgehen, und die Kohorte der \u00fcber 50-J\u00e4hrigen wird der einzige wachsende  Arbeitskr\u00e4ftepool sein. W\u00e4hrend die Zahl der Westeurop\u00e4er in der Altersgruppe 15  bis 49 zwischen 2005 und 2030 um etwa 16 Prozent zur\u00fcckgehen wird, d\u00fcrfte die  Altersgruppe 55 bis 64 um fast 25 Prozent, die Altersgruppe 65 bis 74 um knapp  40 Prozent anwachsen. Wenn es Westeuropa nur gel\u00e4nge, einen Teil der \u00e4lteren  wieder in den Arbeitsmarkt zur\u00fcckzuholen, k\u00f6nnte der gegenw\u00e4rtig r\u00fcckl\u00e4ufige  Trend der Besch\u00e4ftigtenzahl nicht nur aufgehalten, sondern sogar umgekehrt  werden. W\u00fcrden \u00e4ltere Westeurop\u00e4er so lange arbeiten wie ihre wirtschaftlich  aktivsten Altersgenossen in OECD-Staaten (zum Beispiel Japan) das bereits tun,  w\u00fcrde die Zahl der Besch\u00e4ftigten in Europa sogar steigen. 2030 k\u00f6nnte sie dann  sogar um 26 Prozent \u00fcber der gegenw\u00e4rtig avisierten Zahl liegen.<\/p>\n<p>An dieser Tatsache kommt Westeuropa nicht vorbei, wenn es seinen Wohlstand  und seine Konkurrenzf\u00e4higkeit wahren will. Eine solche Expansion des  Arbeitskr\u00e4fteangebots h\u00e4tte grossen Einfluss auf das westeurop\u00e4ische  Wirtschaftswachstum in den n\u00e4chsten Dekaden. Es k\u00f6nnte den Unterschied zwischen  Stagnation und Aufschwung bedeuten. Gewiss, manche \u00e4ltere Arbeitnehmer k\u00f6nnten  es nicht in jedem Fall mit ihren j\u00fcngeren Kollegen aufnehmen, zumal in Jobs, in  denen es auf Kooperation, rasche Auffassungsgabe und technisches Knowhow  ankommt. Trotzdem k\u00f6nnen \u00e4ltere B\u00fcrger einen wesentlichen Beitrag zu Wohlstand  und Konkurrenzf\u00e4higkeit ihrer Gesellschaften leisten. Wenn sie ihre Gesundheit  als zus\u00e4tzlichen Aktivposten einbr\u00e4chten, w\u00e4re das ein Gewinn f\u00fcr sie selbst,  f\u00fcr die j\u00fcngeren und die noch ungeborenen Europ\u00e4er.<\/p>\n<p><strong>L\u00e4nger leben im Wohlstand<\/strong><\/p>\n<p>\u00e4ltere Leute zu veranlassen, im Erwerbsleben zu bleiben, ist naheliegend und  unabdingbar. Aber es w\u00e4re nur ein Schritt auf einem langen, gewundenen Weg. In  den meisten westeurop\u00e4ischen Staaten ist es teuer f\u00fcr Arbeitgeber, Arbeitskr\u00e4fte  zu entlassen und neue Mitarbeiter einzustellen. Besonders schwierig ist die  Situation f\u00fcr potenzielle \u00e4lte re Arbeitnehmer. Sie gelten als Profitkiller, da  ihnen vertraglich Leistungen zustehen, deren Wert weit \u00fcber ihrer eigenen  Produktivit\u00e4t liegt. Dass viele \u00e4ltere Europ\u00e4er vorzeitig aus dem Erwerbsleben  ausscheiden, hat nicht zuletzt mit der Steuerbelastung und anderen  abschreckenden Bestimmungen zu tun. In weiten Teilen Westeuropas m\u00fcssen  Besch\u00e4ftigte \u00fcber 50, die weiterarbeiten wollen, deutliche Einkommenseinbussen  hinnehmen. In Portugal sind 50 Prozent des Altersruhegelds zu versteuern, in  Frankreich \u00fcber 50 Prozent, in Belgien \u00fcber 60 Prozent, in Luxemburg  unglaubliche 85 Prozent.<\/p>\n<p>Auch glauben viele Westeurop\u00e4er, ausgehend von einer Art Nullsummentheorie,  dass ein Arbeitsplatz, der einem \u00e4lteren Arbeitnehmer angeboten wird, einem  jungen weggenommen wird. Sie \u00fcbersehen dabei, dass jede produktive T\u00e4tigkeit  mehr Wohlstand, mehr Nachfrage und mehr Jobs generiert. Wenn Westeuropa von der  steigenden Zahl \u00e4lterer Arbeitnehmer profitieren will, m\u00fcssen die Arbeitsm\u00e4rkte  deutlich flexibler und wirtschaftlich attraktiver werden, als sie es heute sind.  Bei weniger komplizierten Vorschriften und geringeren Lohnnebenkosten w\u00e4re es  f\u00fcr potenzielle Arbeitgeber attraktiver und weniger riskant, Arbeitskr\u00e4fte, auch  \u00e4ltere, einzustellen. Im Rahmen einer umfassenden Rationalisierung des  westeurop\u00e4ischen Arbeitsmarkts w\u00e4re es auch vern\u00fcnftig, zu einem Rentensystem zu  kommen, das eine h\u00f6here Eigenbeteiligung bei der Altersversorgung vorsieht.<\/p>\n<p>Im Bildungssektor steht Westeuropa vor einer qualitativ neuen Herausforderung  \u2013 trotz \u00fcberalterung muss das technische Leistungsniveau gesteigert werden.  Obwohl die Region vermutlich bald die bestausgebildeten \u00e4lteren Arbeitnehmer  haben wird, die sie je hatte, d\u00fcrfen Kenntnisse und F\u00e4higkeiten in einer sich  rasant weiterentwickelnden Wissensgesellschaft nicht stagnieren. Sinnvoll w\u00e4ren  gezielte Strategien zur st\u00e4ndigen Verbesserung der Qualifikation aller  Arbeitnehmer, also auch der \u00e4lteren.<\/p>\n<p><strong>Investieren in die Gesundheit<\/strong><\/p>\n<p>Und schliesslich das Thema Gesundheit. Die medizinische Versorgung  verschlingt schon jetzt einen Grossteil der gesellschaftlichen Kosten in  Westeuropa. Bei deutlich steigender Lebenserwartung werden auch diese  Aufwendungen ansteigen, vielleicht sogar noch schneller als bislang. Die  verbreitete Sorge, die medizinische Versorgung sei bald nicht mehr finanzierbar,  ist jedoch unangebracht. In Wirtschaften, die in erster Linie auf menschlichen  Ressourcen und Humankapital basieren, m\u00fcssen die Aufwendungen im  Gesundheitswesen als Investition und unter dem Aspekt des \u00f6konomischen Werts der  Gesundheit betrachtet werden. Der Gesundheitssektor und die medizinische  Forschung sollten als St\u00fctzen einer Wirtschaft gesehen werden, die zunehmend auf  eine gesunde Erwerbsbev\u00f6lkerung angewiesen ist. Westeuropa muss auch weiter in  diesen Bereich investieren, wenn es seinen Vorteil nicht einb\u00fcssen will.<\/p>\n<p>In der Medizin, wie in anderen Wirtschaftsbereichen, k\u00f6nnte durch F\u00f6rderung  von Forschung und Innovation ein Qualit\u00e4tsniveau gesichert werden, das auch  sp\u00e4ter bezahlbar bleibt. Mehr Investitionen im Gesundheitssektor zu fordern  heisst aber nicht, automatisch jede politische Entscheidung, jedes Projekt, jede  Massnahme zu billigen. Jedes einzelne Element muss f\u00fcr sich beurteilt werden.  Angesichts der Wettbewerbsvorteile, die sich aus dem guten Gesundheitszustand  der \u00e4lteren Westeurop\u00e4er ergeben, wird man aber erkennen m\u00fcssen, dass  Investitionen im Gesundheitssektor ausserordentlich lohnend sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wird Westeuropa in den n\u00e4chsten Jahrzehnten immer mehr Terrain verlieren? Der  demografische Druck ist zweifellos gross, und ohne fantasievolle Antworten wird  die Zukunft des Kontinents eher d\u00fcster aussehen. Westeuropa steht nicht  zwangsl\u00e4ufig vor einem relativen wirtschaftlichen Niedergang. Die Bev\u00f6lkerung  wird zwar zunehmend \u00e4lter, aber der Kontinent muss kein grandioses Seniorenheim  oder ein kultiviertes, aber verblassendes Freiluftmuseum werden. Es gibt eine  Alternative.<\/p>\n<p>Zitat verf\u00fcgbar unter:\u00a0 http:\/\/dasmagazin.ch\/index.php\/senioren-an-die-arbeit\/ [Datum des Zugriffs: 20.10.09]<\/p>\n<h4><span>10.06.2007 von Nicholas  Eberstadt und Hans Gr.<\/span><\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten dreissig Jahren ist Westeuropa wirtschaftlich hinter die Vereinigten Staaten zur\u00fcckgefallen. Seit 1980 liegt der Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts im Jahresschnitt um 0,8 Prozent \u00fcber dem der EU-15-Mitgliedsstaaten. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Verlangsamung des Wachstums sind vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu suchen. Doch auch demografische Trends spielen eine Rolle. Die Bev\u00f6lkerung Westeuropas wird bekanntlich immer \u00e4lter, die Geburtenrate liegt deutlich unter der zur Bestandserhaltung erforderlichen Zahl.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"footnotes":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false}}},"categories":[6],"tags":[9,21,34],"jetpack_publicize_connections":[],"aioseo_notices":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p5KdjC-2I","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=168"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/40_vorwaerts\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}