{"id":627,"date":"2009-10-24T09:39:43","date_gmt":"2009-10-24T08:39:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.eisner-elearning.at\/blog\/?p=627"},"modified":"2009-10-24T09:39:43","modified_gmt":"2009-10-24T08:39:43","slug":"das-worgler-schwundgeld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/?p=627","title":{"rendered":"Das W\u00f6rgler Schwundgeld"},"content":{"rendered":"<p>(geschrieben 1933)<\/p>\n<p><strong>Alex von Muralt<\/strong><\/p>\n<p><strong>DER W\u00d6RGLER VERSUCH MIT SCHWUNDGELD *<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Und meinen Leuten gilt&#8217;s als gutes Gold? Dem Heer, dem Hofe gen\u00fcgt&#8217;s zu vollem Sold? So sehr mich&#8217;s wundert, mu\u00df ich&#8217;s gelten lassen!&#8221;<\/p>\n<p>(Faust 2. Teil)<\/p>\n<p>Die Tiroler Gemeinde W\u00f6rgl; die bis dahin ein recht stilles und bescheidenes Dasein f\u00fchrte, macht seit einigen Monaten viel von sich reden, selbst im Ausland, in der Schweiz und vor allem in Amerika, wo der Name W\u00f6rgls, wie man mir sagte, bald bekannter sein wird, wie derjenige Spenglers, und wo der Begriff W\u00f6rgl ein w\u00e4hrungspolitisches Programm umschlie\u00dft. Diesen Ruhm verdankt W\u00f6rgl seinem t\u00fcchtigen B\u00fcrgermeister Michael Unterguggenberger, einem langj\u00e4hrigen Anh\u00e4nger der Silvio Gesellschen Freigeldlehre. Im Dezember 1931 war Unterguggenberger durch das Los das Amt des B\u00fcrgermeisters zugefallen und er damit in die Lage versetzt, l\u00e4ngst gehegte und gut durchdachte w\u00e4hrungspolitische Pl\u00e4ne im Rahmen seines kleinen Machtbereiches durchzuf\u00fchren. W\u00f6rgl ist eine der wenigen Tiroler Gemeinden, die fr\u00fcher zu einem guten Teil von industriellen Betrieben gelebt hat. (Zementund ZelluloseFabriken, die heute stillstehen.) Die Zahl der Arbeitslosen der \u00fcber 4.000 Menschen umfassenden Gemeinde war im Fr\u00fchjahr 1932 auf etwa 350 (mit Einbeziehung der n\u00e4heren Umgebung auf 1.500) gestiegen. Die Steuereing\u00e4nge waren erheblich zur\u00fcckgegangen, z. B. der Ertragsanteil an Bundessteuern von 63.000 Schilling im Jahre 1928 auf 43.800 Schilling im Jahre 1932, und der Anteil an den Landessteuern von 47.700 Schilling im Jahre 1928 auf 17.100 Schilling im Jahre 1932. Die Sparkasse der Stadt Innsbruck, welcher die Gemeinde den enormen Betrag von 1.290.000 Schilling schuldet, hatte im Juli 1931 den Zinsfu\u00df von 7 Prozent auf 10 Prozent erh\u00f6ht, die Gemeindekasse war im Fr\u00fchjahr 1932 leer, und die Raiffeisenkasse von W\u00f6rgl war fast immobil geworden, da fast alle ihre Guthaben, auch solche der Gemeinde, eingefroren waren. Dringende Arbeiten, Stra\u00dfenverbesserungen usw, duldeten keinen l\u00e4ngeren Aufschub. In dieser Notlage entschlo\u00df sich der Gemeinderat auf Antrag seines B\u00fcrgermeisters zu einem Versuch mit der Ausgabe von Schwundgeld.<\/p>\n<p><strong>\u00c4u\u00dfere Gestalt und Rechtsgestalt des Schwundgeldes<\/strong><\/p>\n<p>Die Gemeinde lie\u00df Anfang Juli 1932 im Nennwert von 32.000 Schilling Papiernoten drucken, die Arbeitsscheine genannt werden. Die Noten sind numeriert, es gibt Scheine zu einem, zu f\u00fcnf und zu zehn Schilling. Sie erhalten erst G\u00fcltigkeit, wenn sie mit einem Kontrollpr\u00e4gestempel des B\u00fcrgermeisteramtes versehen sind: Diese Noten entwerten sich pro Monat um den Betrag von 1 Prozent ihres Nennwertes. (Notabgabe) Um diese Entwertung zu verhindern, mu\u00df der jeweilige Besitzer des Papierscheines am letzten des Monats eine Marke in der H\u00f6he des Schwundes auf die Note, in ein vorgedrucktes Feld, aufkleben. Diese Marken sind bei der Gemeindekasse k\u00e4uflich zu erwerben. Der Schwund die Notabgabe betr\u00e4gt also j\u00e4hrlich 12 Prozent, mehr als das Doppelte von dem, was Silvio Gesell seinerzeit vorgeschlagen hat. Zu Ende jedes Jahres m\u00fcssen die Scheine gegen neue umgetauscht werden. Der Umtausch erfolgt ohne Abzug, sofern der alte Schein durch die erforderliche Anzahl von Marken voll aufgewertet ist. Die Gemeinde wechselt auch jederzeit die Arbeitsscheine in normale Schillinge um, jedoch gegen einen Abzug von 2 Prozent. (1)<\/p>\n<p><strong>Deckung<\/strong><\/p>\n<p>Um zu dieser Umwechslung jederzeit bef\u00e4higt zu sein, um also eine Art Deckung f\u00fcr dieses Notgeld zu schaffen, sind die Treuh\u00e4nder der Nothilfeaktion (zu ihnen geh\u00f6rt der Ortspfarrer der Gemeinde) daf\u00fcr besorgt, da\u00df, entsprechend der Ausgabe von Schwundgeld, der gleiche Betrag in Noten der Nationalbank auf ein Separatkonto bei der Raiffeisenkasse \u00fcberwiesen wird. Wie mir vom Direktor dieser Kasse mitgeteilt wurde, ist dieses Geld in der Form von Sichtwechseln an solide Grossisten zum Zinsfu\u00df von 6 Prozent weiterverliehen worden. Diese 6 Prozent flie\u00dfen in toto der Gemeindekasse zu, da die Ortssparkasse f\u00fcr alle ihre Arbeit keinen Entgelt verlangt, weil es sich um ein Unternehmen gemeinn\u00fctziger Art handelt.<\/p>\n<p><strong>Kreislauf<\/strong><\/p>\n<p>Das Schwundgeld wurde dadurch in Umlauf gebracht, da\u00df die Gemeinde ihren Angestellten und Arbeitern die Geh\u00e4lter und L\u00f6hne, anfangs zu 50 Prozent, sp\u00e4ter zu 75 Prozent in Notgeld ausbezahlte. Die Empf\u00e4nger hatten sich mit dieser Zahlungsweise freiwillig einverstanden erkl\u00e4rt. Die erste Aussch\u00fcttung im Betrag von 1.800 Schilling erfolgte Mitte Juli 1932, die monatliche Lohnsumme, soweit sie in Schwundgeld bezahlt wurde, stieg sp\u00e4ter auf gegen 3.000 Schilling. Da die Scheine immer sehr rasch zur Gemeindekasse zur\u00fcckkehrten, war es nicht n\u00f6tig, mehr als 12.000 Schilling Notgeld im ganzen auszugeben und dementsprechend brauchte man auch nur 12.000 normale Schillinge der Raiffeisenkasse zu \u00fcberweisen. S\u00e4mtliche Gesch\u00e4fte in W\u00f6rgl nehmen das Notgeld als Zahlungsmittel zum Nennwert entgegen und die Papierscheine kehren in Form von Abgaben und Steuern an die Gemeindekasse zur\u00fcck. Von den zur Ausgabe gelangten 12.000 Schilling Notgeld sind allerdings sch\u00e4tzungsweise heute nur noch ungef\u00e4hr 2 Drittel im Umlauf; der Rest ist verschwunden, als Andenken und Sammlungsobjekt von Liebhabern mitgenommen worden. Da\u00df sich solche gro\u00dfen Betr\u00e4ge von Schwundgeld auf diesem Weg verfl\u00fcchtigen, widerspricht zwar ganz der theoretischen Absicht, die auf beschleunigten Umlauf und nicht auf Hortung ausgeht; dennoch sieht die Gemeinde diesen Schwund nicht ungern, weil er ja nat\u00fcrlich da diese mitgenommenen Noten nie mehr zur Umwechslung vorgelegt werdeneinen Reingewinn f\u00fcr sie darstellt. (Siehe Grafik.)<\/p>\n<p><strong>Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die praktischen Ergebnisse des Versuches konnte ich Anfang April dieses Jahres folgendes in Erfahrung bringen: Das Notgeld wird in W\u00f6rgl, wie gesagt, in allen Gesch\u00e4ften gleicher Weise wie gutes Geld angenommen. Die Kaufleute sind allerdings nicht sehr erbaut, da\u00df ihnen ein kleiner Verlust von 1 Prozent am Ende des Monats, wenn sie das Geld nicht weitergeben k\u00f6nnen, droht, oder von 2 Prozent, wenn sie es umwechseln m\u00fcssen. Sie nehmen das gew\u00f6hnliche Geld lieber, aber die meisten sind doch Anh\u00e4nger des Experiments, weil sie eine leichte Steigerung der Ums\u00e4tze oder einen geringeren R\u00fcckgang, als zu erwarten war, festzustellen glauben. Ein Lebensmittelh\u00e4ndler klagte, da\u00df der Engros-H\u00e4ndler, von dem er seine Waren bezieht, sich nur zu 50 Prozent in Schwundgeld zahlen l\u00e4\u00dft. Dies wurde mir von dem betreffenden Herrn, Kommerzialrat St. , best\u00e4tigt, der mir auch erkl\u00e4rte, da\u00df er Ende des Monats das Notgeld nur unter Abzug von 1 Prozent annehme, da das Engros-Gesch\u00e4ft solche Verluste nicht tragen k\u00f6nne. Obschon das Notgeld f\u00fcr seine Firma keinen nennenswerten Vorteil bringe, ist Kommerzialrat St. ein Ah\u00e4nger des Systems, das die Gemeinde vor einer Katastrophe gerettet habe, und das man auf einem gr\u00f6\u00dferen Wirtschaftsgebiet, z. B. im Land Tirol, durchf\u00fchren sollte, weil erst dann die Befruchtung der Wirtschaft durch die erh\u00f6hte Umlaufsgeschwindigkeit des Schwundgeldes voll in Erscheinung treten k\u00f6nnte. \u00c4hnlich g\u00fcnstig \u00e4u\u00dferte sich ein B\u00fcrstenladenbesitzer H., Mitglied der Tiroler Gewerbeund Handelskammer. Auch er ist \u00fcberzeugt, da\u00df die \u00dcbertragung des Versuches auf das ganze Land einen Aufschwung der Wirtschaft bringen w\u00fcrde. Es ist ja auch zu sagen, da\u00df diese Schwundgeldsache es fertig gebracht hat, in dem \u00fcber und \u00fcber politisierten \u00d6sterreich dem Schicksal zu entgehen, ein Politikum zu werden. Alle, das Notgeld betreffenden Beschl\u00fcsse wurden im Gemeinderat jeweils einstimmig, mit Unterst\u00fctzung aller Parteien, beschlossen. Von einer Steigerung der Warenpreise war nichts festzustellen, es sei denn, da\u00df der Milchpreis in einem kleinen Weiler s\u00fcdlich W\u00f6rgls um 2 Groschen niedriger angegeben wurde, was vermutlich mit rein lokalen Verh\u00e4ltnissen zusammenh\u00e4ngt. In Innsbruck und Kitzb\u00fchel fand ich dieselben Preise f\u00fcr die wichtigsten Lebensmittel. Eine inflationistische Wirkung im Sinn der Preiserh\u00f6hung hat nicht stattgefunden. Die eigentliche Gewinntr\u00e4gerin des Versuches ist die Gemeinde. Als unmittelbare Mehreinnahme aus dem Schwundgeldsystem ist vor allem zu erw\u00e4hnen der Ertrag der 12prozentigen Notabgabe von dem zirkulierenden Schwundgeld, die allerdings nicht in G\u00e4nze eingeht, weil ein betr\u00e4chtlicher Teil der Scheine jeweils Ende des Monats bei der Gemeinde liegt, so da\u00df diese selbst auch kleben mu\u00df, was sie allerdings nichts kostet. Der Monatsertrag aus der Notabgabe betr\u00e4gt etwa 50 Schilling. Laut Angabe des Direktors der Raiffeisenkasse wurde bis Ende M\u00e4rz der Betrag von 34.500 Schilling Notgeld bei der Kasse zur Umwechslung eingereicht, wobei sich aus dem Abzug von 2 Prozent ein Gewinn von 690 Schilling ergibt. (In neun Monaten.) Dazu kommt das Zinsertr\u00e4gnis der auf der Raiffeisenkasse liegenden Deckung, d. h. 6 Prozent von 12.000 Schilling gleich 720 Schilling pro anno. Z\u00e4hlt man diese drei Posten zusammen, so k\u00f6mmt man auf eine j\u00e4hrliche Mehreinnahme von \u00fcber 2.000 Schilling, einen Betrag, der in dem bescheidenen Haushalt der Gemeinde, wo der B\u00fcrgermeister ein Jahresgehalt von 1.800 Schilling bezieht, schon einigerma\u00dfen mitz\u00e4hlt. Der wesentliche, mehr ins Gewicht fallende mittelbare Vorteil des Systems liegt nun aber nach den Angaben des B\u00fcrgermeisters darin, da\u00df schon im ersten halben Jahre sehr betr\u00e4chtliche Steuerr\u00fcckst\u00e4nde, und zwar zu etwa 90 Prozent in Schwundgeld, an die Gemeinde abgeliefert wurden. Die j\u00e4hrlichen Einnahmer\u00fcckst\u00e4nde, die vom Jahre 1926 bis Ende 1931 von 26.000 Schilling auf 118.000 Schilling gestiegen seien, h\u00e4tten sich im Jahre 1932 erheblich vermindert, indem 79.000 Schilling davon eingingen. F\u00fcr diese nat\u00fcrlich sehr wichtige Aufgabe, die auch in einer k\u00fcrzlich von Hans Burgstaller, dem Redakteur des W\u00f6rgler Anzeigers herausgegebenen Schrift: &#8220;Die Rettung \u00d6sterreichs, das W\u00f6rgler Beispiel&#8221; Erw\u00e4hnung findet, konnte ich allerdings bei der Tiroler Landesregierung, wo mir der zust\u00e4ndige Referent, Hofrat Dr. B., liebensw\u00fcrdigste Auskunft erteilte, keine volle Best\u00e4tigung erlangen. Der betreffende Beamte kommt auf Grund der ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Akten zum Schlusse, da\u00df in W\u00f6rgl die Eing\u00e4nge aus den selbst\u00e4ndigen Gemeindesteuern vom Jahre 1931 auf 1932 eine auff\u00e4llige Steigerung erfahren haben. So stieg der Ertrag aus der Vergn\u00fcgungs-, Ank\u00fcndigungsund Hundesteuer von 5.300 auf 5.900 Schilling, derjenige aus den Zuschl\u00e4gen zur Grundsteuer von 16.500 auf 28.570 Schilling, der Zuschl\u00e4ge zur Geb\u00e4udesteuer von 14.170 auf 23.560 Schilling, dies sind Mehrleistungen, die sich nur aus dem Eingang von R\u00fcckst\u00e4nden erkl\u00e4ren lassen, im Ausma\u00df aber hinter den Angaben des B\u00fcrgermeisters zur\u00fcckbleiben. Im gleichen Zeitraum sanken die Ertragsanteile der Bundessteuern von 57.000 auf 43.800 und diejenigen aus den Landessteuern von 31.900 auf 17.100 Schilling. Eine Steigerung der Steuerleistungen zugunsten der Gemeinde hat demnach unzweifelhaft stattgefunden, \u00fcber das strittige Ausma\u00df derselben k\u00f6nnte meines Erachtens nur dadurch entschieden werden, da\u00df ein unparteiischer Buchsachverst\u00e4ndiger die gesamte Rechnungsf\u00fchrung der Gemeinde einer kritischen Nachpr\u00fcfung unterz\u00f6ge. Unterguggenberger gibt an, da\u00df nicht nur die r\u00fcckst\u00e4ndigen Steuern eingingen, sondern da\u00df auch die neu f\u00e4llig werdenden Steuerbetr\u00e4ge rasch bezahlt w\u00fcrden, ja, da\u00df es vorkomme, da\u00df Steuern im voraus entrichtet w\u00fcrden. Die Steuerfreudigkeit der W\u00f6rgler B\u00fcrger erkl\u00e4rt sich meines Erachtens sehr einfach daraus, da\u00df der Kaufmann, der eine gr\u00f6\u00dfere Summe von Schwundgeld am Ende des Monats in seiner Kasse liegen hat, dieses Geld am leichtesten, und ohne Verlust, los wird, wenn er seine Verpflichtungen an die Gemeinde erf\u00fcllt. Es hat eine Umstellung in der Bewertung dieser Verpflichtungen stattgefunden. Kam die Zahlung der Steuer sonst an letzter Stelle, so r\u00fcckte sie nun in den ersten Rang. Es w\u00e4re deshalb wichtig, zu untersuchen, ob nicht den gesteigerten Steuerleistungen eine zunehmende, anderweitige Verschuldung der Gewerbetreibenden parallel ging, z. B. eine Verschuldung bei den Lieferanten in Innsbruck und Wien. Hier\u00fcber fehlen mir Angaben. Ich konnte lediglich auf der Raiffeisenkasse vernehmen, da\u00df die Spareinlagen nach einem vor\u00fcbergehenden Zuwachs im August 1932 sich ungef\u00e4hr gleichgehalten haben wie fr\u00fcher, was bei dem allgemeinen R\u00fcckgang der Wirtschaftslage wohl schon ein Aktivum darstellt. Wichtig ist, da\u00df die Raiffeisenkasse Notgeld ohne Abzug auf Sparb\u00fcchlein entgegenimmt, wenn der Einleger sich bereit erkl\u00e4rt, mit einer sp\u00e4teren R\u00fcckzahlung in Schwundgeld einverstanden zu sein.<\/p>\n<p><strong>Die produktive Arbeitslosenf\u00fcrsorge<\/strong><\/p>\n<p>Dank dieser erw\u00e4hnten, aus verschiedenen Quellen der Gemeinde zuflie\u00dfenden Geldmittel, dank auch von Zusch\u00fcssen aus der produktiven Arbeitslosenf\u00fcrsorge und eines Notstandskredites des Landes Tirol von 12.000 Schilling, war es nun der Gemeinde m\u00f6glich, ein recht gro\u00dfz\u00fcgiges Arbeitsbeschaffungsprogramm zur Ausf\u00fchrung zu bringen. Es wurden in den wichtigsten Stra\u00dfen der Gemeinde Kanalisationsarbeiten durchgef\u00fchrt, die Stra\u00dfen selbst wurden verbessert und gr\u00f6\u00dftenteils asphaltiert. Die Bahnhofstra\u00dfe erhielt eine moderne Beleuchtung. In g\u00fcnstigstem Gel\u00e4nde, im S\u00fcden der Gemeinde, wurde eine Skisprungschanze errichtet, auf der bereits im Januar 1933 ein gut besuchtes Wettspringen stattfand, wobei Spr\u00fcnge bis gegen 60 Meter erzielt wurden. Die Gemeindem\u00fchle erhielt ein neues Waschhaus und ein Holzhaus, auch wurde eine neue Notstandsk\u00fcche eingerichtet. Die Gesamtausgaben f\u00fcr all diese Notstandsarbeiten sollen sich auf etwa 100.000 Schilling belaufen. Die Lohnzahlungen f\u00fcr diese Arbeiten erfolgten ausschlie\u00dflich in Arbeitswertscheinen. Da\u00df all diese Arbeiten, abgesehen von der Besch\u00e4ftigung der Arbeitslosen, f\u00fcr die Gemeinde dauernde Werte schufen, ist nicht zu bestreiten. Besondere Bedeutung hat die Asphaltierung der Hauptstra\u00dfe, die fr\u00fcher wegen ihres unzul\u00e4nglichen Zustandes allgemein bekannt und gef\u00fcrchtet gewesen sei. Eine Inschrift an einem Haus in W\u00f6rgl erinnert noch heute drastisch an diese fr\u00fcheren Verh\u00e4ltnisse, sie lautet: &#8220;Das gr\u00f6\u00dfte aller Laster, ist, W\u00f6rgl, dein Stra\u00dfenpflaster!&#8221; Durch die Beseitigung dieses &#8220;Lasters&#8221; soll der Zustrom von Fremden merklich gestiegen sein. (2) Nach der Meinung des B\u00fcrgermeisters hat aber nicht nur die Gemeindekasse von dem Schwundgeld profitiert, sondern das raschere Kreisen des W\u00f6rgler Geldes habe die gesamte Wirtschaft belebt, und habe wie ein L\u00f6sungsmittel auf alle m\u00f6glichen eingefrorenen Schuldverh\u00e4ltnisse gewirkt, \u00fcberall Brot und Arbeit schaffend. Diese \u00dcberzeugung scheint in W\u00f6rgl weit verbreitet zu sein.<\/p>\n<p><strong>Begleichung der Gemeindeschulden<\/strong><\/p>\n<p>Etwas weniger glanzvoll freilich steht W\u00f6rgl da, wenn man fragt, wie die Gemeinde ihren Schuldverpflichtungen gegen\u00fcber der Sparkasse in Innsbruck nachkomme, von der sie, wie erw\u00e4hnt, in fr\u00fcheren Perioden Darlehen in ungeheurem Ausma\u00df von 1.290.000 Schilling erhielt, die heute mit 9 Prozent verzinst werden sollten. Obschon die Sparkasse einen gewissen Nachla\u00df auf die schon Ende 1931 50.000 Schilling betragenden Zinsr\u00fcckst\u00e4nde gew\u00e4hrte, war W\u00f6rgl nicht in der Lage, die Zinsleistungen in bar abzuf\u00fchren. Der gewandte B\u00fcrgermeister inaugurierte eine etwas eigent\u00fcmliche Art der Bezahlung. Er trat n\u00e4mlich an die Sparkasse diverse Forderungen der Gemeinde ab, vor allem eine Forderung von 50.000 Schilling an das Land Tirol aus dem Jahre 1927, die die Gemeinde aus einer Leistung von Stra\u00dfenbauten vom Lande und einigen Nachbargemeinden zugute habe und die mit Einrechnung der Verzugszinsen heute einen Wert von 70.000 Schilling darstelle. Ferner wurde ein der Gemeinde geh\u00f6rendes Einlagebuch der W\u00f6rgler Raiffeisenkasse im Betrag von 37.000 Schilling, ein praktisch fest eingefrorenes Guthaben, der Sparkasse \u00fcberwiesen. Ob diese von diesem Zahlungsmodus sehr erbaut ist, wei\u00df ich nicht; erscheint fraglich. Unterguggenberger ist allerdings der Meinung (in Konsequenz seiner Freigeld\u00fcberzeugung), da\u00df diese &#8220;Zinsknechtschaft&#8221; von 9 und 10 Prozent eine Ungeheuerlichkeit darstelle; die auf die L\u00e4nge in keiner Weise aufrechtgehalten werden k\u00f6nne, ja sogar r\u00fcckwirkend herabgesetzt werden m\u00fcsse. Ein Zinsfu\u00df von 5 Prozent w\u00e4re tragbar. Er glaubt es deshalb verantworten zu k\u00f6nnen, die vorhandenen Mittel f\u00fcr Neuinvestitionen auszugeben.<\/p>\n<p><strong>\u00c4u\u00dfere Widerst\u00e4nde und Kritik der Landesregierung<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der Beliebtheit des Notgeldes in W\u00f6rgl selbst sind dem Versuch erhebliche Schwierigkeiten erwachsen. Einerseits von seiten der Leitung der sozialdemokratischen Partei in Tirol, der Unterguggenberger seit Jahren angeh\u00f6rt, obgleich er, wie er immer betonte, kein Marxist ist. Die sozialistischen Parteif\u00fchrer wollen in Tirol, wie \u00fcberall, von der Freigeldlehre nichts wissen, und haben den B\u00fcrgermeister oft gedr\u00e4ngt, von dieser fragw\u00fcrdigen, im Parteiprogramm nicht vorgesehenen Schwundgeldsache abzustehen. Unterguggenberger l\u00e4\u00dft sich aber nichts vorschreiben. Sehr viel ernsthafter ist der Widerstand, den die \u00f6sterreichische Nationalbank dem Notgeld von allem Anfang an entgegensetzte. Sie sieht in der Herausgabe dieses Papiergeldes durch die Gemeinde eine Verletzung ihres Notenprivilegs, und hat sogleich auf ein Verbot des W\u00f6rgler Geldes gedr\u00e4ngt. Dank verschiedener Eingaben und Rekurse an die Tiroler Landesregierung ist es dem Gemeinderat gegl\u00fcckt, die Durchf\u00fchrung des Verbotes aufzuhalten. (3) Juristisch gesehen ist die Nationalbank wohl im Recht, sofern man die W\u00f6rgler Scheine als Geld betrachtet, obschon kein Gl\u00e4ubiger sich durch Zahlung in Schwundgeld als befriedigt erkl\u00e4ren mu\u00df. Ob es freilich notwendig und klug ist, dieses Experiment zu unterbinden, ist eine andere Frage. Sie wird vom zust\u00e4ndigen Referenten in der Landesregierung in Innsbruck, Hofrat Dr. B., einem theoretischen Gegner der Freigeldlehre, eher verneint. Er kennzeichnet die Schwundscheine als eine Art unverzinsliche Schuldverschreibungen der Gemeinde, die einer verkappten 12prozentigen Umsatzsteuer unterworfen sind. Er sieht, wie er das auch in einem Gutachten zu H\u00e4nden der Regierung n\u00e4her ausf\u00fchrte, in dem Versuch der W\u00f6rgler Selbsthilfe ein sch\u00f6nes Zeichen des wiedererwachsenden Gemeinsinns und anerkennt die g\u00fcnstigen Wirkungen. Seine Kritik richtet sich gegen die Deckung, die ungen\u00fcgend sei. Das Depot der 12.000 Schilling sollte nach seiner Meinung der schon zu drei Vierteln eingefrorenen Raiffeisenkasse entzogen werden, da es Gefahr laufe, dort immobil zu werden, womit dann die Deckung dahinfiele. Diese sollte bei einer Bank in Insbruck, oder bei der Nationalbank selbst angelegt werden, und zwar auf ein Sperrkonto, wo es nicht wieder ausgeliehen werden d\u00fcrfte, und somit auch keine Zinsen einbr\u00e4chte, so da\u00df keine Vermehrung der Zahlungsmittel stattf\u00e4nde und jede Inflationswirkung ausgeschlossen w\u00e4re. Falls W\u00f6rgl mit dieser \u00c4nderung einverstanden w\u00e4re, k\u00f6nnte er keinen zwingenden Grund f\u00fcr die Aufrechterhaltung des Verbotes sehen. Jedenfalls sei das W\u00f6rgler Notgeld eine ungleich harmlosere Sache als die Kreditexpansion zahlreicher anderer Institute, die keineswegs eine so rigorose Behandlung durch die Beh\u00f6rden gefunden h\u00e4tten, wie man sie der Aktion der Gemeinde W\u00f6rgl unter Hinweis auf den Buchstaben des Notenbankstatutes zuteil werden lie\u00df. (4)<\/p>\n<p><strong>Weitere Erfolge<\/strong><\/p>\n<p>Ein Umstand, der vermutlich die Nationalbank zu sch\u00e4rferem Vorgehen veranla\u00dft, ist das Umsichgreifen des Experiments. Am 1. Januar hat die Nachbargemeinde Kirchbichel, eine ebenfalls stark industrielle Gemeinde von 3.000 Einwohnern, ihrerseits Schwundgeld ganz nach dem W\u00f6rgler Muster im Betrag von vorl\u00e4ufig 3.000 Schilling in Umlauf gebracht. Die Scheine der beiden Gemeinden gelten beiderorts. Vier weitere Tiroler Gemeinden, Hopfengarten-Markt und -Land, Brixen und Westendorf, Ortschaften mit zusammen etwa 16.000 Einwohnern, haben ebenfalls grunds\u00e4tzlich die Ausgabe von Schwundgeld beschlossen, wollen aber noch abwarten, wie sich der Konflikt zwischen W\u00f6rgl und der Nationalbank erledigt. W\u00f6rgl ist inzwischen zu einem Mekka aller Freigeldler geworden, aus den andern Teilen \u00d6sterreichs und vor allem aus der Schweiz pilgern sie hin, um die erste, wenigstens teilweise, Verwirklichung ihrer Doktrin sich anzusehen. ** Ein Riesenbriefwechsel, Anfragen aus aller Welt, sammelt sich auf dem Schreibtisch des B\u00fcrgermeisters, der weder franz\u00f6sisch noch englisch versteht, und einen besonderen \u00dcbersetzungsdienst einrichten mu\u00dfte. Besonders starkes Interesse zeigt der bekannte amerikanische National\u00f6konom, Irving Fisher, der einen in Genf weilenden Mitarbeiter in spezieller Mission nach W\u00f6rgl sandte. Als ich Anfang April dort war, traf ich ebenfalls auf eine Dozentin der National\u00f6konomie der Yale University, mit der ich zusammen von Gesch\u00e4ft zu Gesch\u00e4ft zog. Aber auch die Vertreter der okkulten Wissenschaften, die Astrologen, interessieren sich f\u00fcr W\u00f6rgl; sie erkundigten sich nach dem genauen Geburtsdatum des B\u00fcrgermeisters, das auf den 15. August 1884 f\u00e4llt, und stellten ihm ein Horoskop, das dem nat\u00fcrlich im Zeichen des L\u00f6wen Geborenen sehr viel, durch z\u00e4he Energie zu erk\u00e4mpfenden Erfolg verspreche, und infolge einer besonderen Konstellation des Neptuns auf eine Berufung zur \u00dcberwindung des Metallismus (Goldw\u00e4hrung) hinweise. Unterguggenberger steht diesen Er\u00f6ffnungen recht skeptisch gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>Schlu\u00dffolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Da\u00df dieser Zustrom von Wi\u00dfbegierigen sich f\u00fcr W\u00f6rgl auch wirtschaftlich g\u00fcnstig auswirkt, ist selbstverst\u00e4ndlich. Ebenso wichtig aber scheint mir ein rein psychologisches Moment: Der W\u00f6rgler B\u00fcrger ist sich bewu\u00dft, da\u00df in seiner Gemeinde etwas gegen die Krise geschieht, da\u00df man nicht einfach resigniert oder Hilfe vom Staat erwartet, (der Staat erscheint hier eher in Gestalt der Nationalbank als der St\u00f6renfried), ja da\u00df der W\u00f6rgler Versuch in der Welt Beachtung gefunden hat, und da\u00df sehr ernsthafte Gelehrte ihm grunds\u00e4tzlich zustimmen. Dies alles gibt dem W\u00f6rgler B\u00fcrger ein moralisches Plus. Es ist dies ein irrationales Moment, das in einer Wirtschaftsrechnung unmittelbar nicht aufscheint, da\u00df zu \u00fcbersehen auch vom Standpunkt der \u00d6konomie dennoch ein Fehler w\u00e4re. Ein objektives Urteil mu\u00df also zugeben, da\u00df der Versuch f\u00fcr die Gemeinde W\u00f6rgl von Vorteil gewesen ist. Wer sind die Leidtragenden? Es liegt nahe zu sagen, es komme einfach darauf hinaus, da\u00df die Arbeiter und Angestellten und vor allem die Gewerbetreibenden, eine Summe von kleinen Verlusten freiwillig tr\u00fcgen, die dann als Gewinn bei der Gemeindekasse aufscheinen. Diese Betrachtung w\u00e4re aber einseitig. Sie \u00fcbersieht, da\u00df die Gemeinde nicht blo\u00df aus einigen Funktion\u00e4ren besteht, sondern aus der Gesamheit aller B\u00fcrger, und da\u00df ein Zusammenbruch der Gemeinde alle mitrei\u00dft. Es ist deshalb sehr wohl m\u00f6glich, da\u00df sich die kleinen Opfer, die da gebracht werden m\u00fcssen, auch rein wirtschaftlich durchaus rechtfertigen. Man denke an die fr\u00fcher besprochenen fruchtbaren Anlagen, besonders daran, da\u00df die Asphaltierung der Hauptstra\u00dfe ohne das Schwundgeld nicht m\u00f6glich gewesen sein soll, und setze dann die mannigfachen Vorteile ein, die aus diesen Verbesserungen f\u00fcr alle B\u00fcrger, vor allem aber f\u00fcr die an der Hauptstra\u00dfe gelegenen Gesch\u00e4fte sich ergeben. Da\u00df die allerdings recht bedr\u00fcckenden Schulden an die Sparkasse in Innsbruck rascher oder einwandfreier ohne das Schwundgeld abbezahlt worden w\u00e4ren, erscheint als \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich. Eine wenigstens teilweise Verwertung der dank des Schwundgeldes einflie\u00dfenden Mehreinnahmen der Gemeinde, besonders der Steuerr\u00fcckst\u00e4nde, zur Begleichung der Sparkassenschulden wof\u00fcr gewi\u00df manches spr\u00e4che sei unm\u00f6glich gewesen, weil dies dem ganzen Sinn der Nothilfeaktion widersprochen h\u00e4tte. Was an Notgeld einging, mu\u00dfte wiederum unmittelbar in den Dienst der F\u00fcrsorge und der Arbeitsbeschaffung gestellt werden. Andererseits konnten die Gewerbetreibenden ihre Steuerschulden vermutlich vor allem deshalb entrichten, weil dank der 100.000 Schilling, die f\u00fcr Neuinvestitionen ausgegeben wurden, sich ihre wirtschaftliche Lage gebessert hatte. Zu beanstanden ist nat\u00fcrlich die enorme Verschuldung der Gemeinde an sich, die auf S\u00fcnden fr\u00fchrer Zeiten zur\u00fcckgeht und sich leider bei \u00f6sterreichischen Gemeinden vielfach findet. Neben W\u00f6rgl sollen auch andere industrielle Tiroler Gemeinden, die unter der Wirtschaftskrise noch mehr leiden, wie die auf Landwirtschaft eingestellten Gemeinwesen, mit der Verzinsung ihrer Darlehen in R\u00fcckstand stehen. Eine Vermehrung der Zahlungsmittel hat zweifellos stattgefunden. Nach der herrschenden Geldlehre m\u00fc\u00dfte sich daraus eine inflationistische Wirkung ergeben, unabh\u00e4ngig davon, ob die zus\u00e4tzlichen Kredite f\u00fcr wirtschaftlich zweckm\u00e4\u00dfige oder unzweckm\u00e4\u00dfige Unternehmungen ver wendet wurden, eine Auffassung, die bekanntlich sehr umstritten ist. Eine Steigerung der Preise in W\u00f6rgl ist nun aber nicht festzustellen. Da\u00df die gemachten Neuinvestitionen wirtschaftlich zweckm\u00e4\u00dfig waren, wird man geneigt sein zu bejahen, wenn auch ein endg\u00fcltiges Urteil hier\u00fcber erst in einem Zeitpunkt m\u00f6glich sein wird, wo sich r\u00fcckblickend die Rentabilit\u00e4t der Anlagen wird errechnen oder wenigstens sch\u00e4tzen lassen. Und den Theoretikern, die jede Vermehrung der Zahlungsmittel verwerfen, w\u00e4re zu sagen, da\u00df der W\u00f6rgler Versuch weitergehen k\u00f6nnte, auch wenn den Vorschl\u00e4gen des Innsbrucker Referenten auf Stillegung der Deckung Folge geleistet w\u00fcrde. Es w\u00e4re deshalb durchaus m\u00f6glich, da\u00df auch eine genaueste Analyse (die besonders noch die Frage der ausw\u00e4rtigen Verschuldung der Gesch\u00e4ftsleute zu pr\u00fcfen h\u00e4tte) zum Schlusse k\u00e4me, da\u00df es Leidtragende in W\u00f6rgl nicht gibt. Es w\u00e4re dann das Wunder geschehen, da\u00df wirtschaftliche Werte aus Nichts entstanden w\u00e4ren. Das scheint unm\u00f6glich, allerdings nur, sofern man einen guten Gedanken, eine gute Organisation und t\u00e4tigen Gemeinschaftssinn als ein wirtschaftliches Nichts betrachtet, eine Auffassung, die vielleicht doch nicht als der Weisheit letzter Schlu\u00df zu gelten hat. Mit Schlu\u00dffolgerungen aus dem Verlauf des W\u00f6rgler Versuchs auf den Wert der Freigeldlehre in ihrer Gesamtheit ist freilich Vorsicht am Platz. W\u00f6rgl arbeitet heute mit zwei Geldsystemen, von denen das eine, das Schwundgeld, durch den amtlichen Schilling und somit letzten Endes durch den freilich ebenfalls schwindenden Goldschatz der Nationalbank gedeckt ist. Wie sich die Dinge gestalten w\u00fcrden, wenn eine Gemeinschaft ausschlie\u00dflich Schwundgeld zirkulieren lie\u00dfe, dar\u00fcber kann meines Erachtens der W\u00f6rgler Versuch keine bindende Auskunft geben. Nach der universalistischen Lehre ist das Geld nach seinem Stufenwert zu unterscheiden. Der h\u00f6chsten Stufe entspr\u00e4chen die Banknoten der Nationalbanken, der volkswirtschaftlichen Stufe die Wechsel, Schecks, Buchungen gro\u00dfer Bankh\u00e4user und Firmen. Die W\u00f6rgler Arbeitsscheine stellen dagegen eine Geldsch\u00f6pfung auf der Stufe der Gemeinde dar, welche unter der B\u00fcrgschaft des Geldes h\u00f6herer und h\u00f6chster Stufe (Banknoten) stehen, und der ganze Versuch leistet den Nachweis, da\u00df eine solche Geldsch\u00f6pfung f\u00fcr den rein lokalen Umkreis in au\u00dferordentlichen Verh\u00e4ltnissen nennenswerte Vorteile haben kann.<\/p>\n<p>(Abgeschlossen Anfang Mai 1933)<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen des Verfassers<\/strong><\/p>\n<p>(1) Die R\u00fcckseite der Noten ist mit folgender Inschrift versehen: An Alle! Langsam umlaufendes Geld hat die Welt in eine unerh\u00f6rte Wirtschaftskrise und Millionen schaffender Menschen in uns\u00e4gliche Not gest\u00fcrzt. Der Untergang der Welt hat (rein wirtschaftlich gesehen) seinen furchtbaren Anfang genommen. Es ist Zeit durch klares Erkennen und entschlossenes Handeln die abw\u00e4rtsrollende Wirtschaftsmaschine zu retten, damit die Menschheit nicht in Bruderkriege, Wirrnisse und Aufl\u00f6sung getrieben werde. Die Menschen leben vom Austausch ihrer Leistungen. Der langsame Geldumlauf hat den Leistunsaustausch zum gro\u00dfen Teil unterbunden und Millionen arbeitsbereiter Menschen haben dadurch bereits ihren Lebensraum im Wirtschaftsgetriebe verloren. Der Leistungsaustausch mu\u00df daher wieder gehoben und der Lebensraum f\u00fcr alle bereits ausgesto\u00dfenen wieder zur\u00fcckgewonnen werden. Diesem Ziel dient der Arbeitsbest\u00e4tigungsschein der Marktgemeinde W\u00f6rgl: Er lindert die Not, gibt Arbeit und Brot!<\/p>\n<p>(2) Anfang Januar \u00fcbergab mir Unterguggenberger folgende Aufz\u00e4hlung der geleisteten produktiven Arbeiten: 1. Stra\u00dfenbau: Bahnhofstra\u00dfe, Brixentalerstra\u00dfe, 2 Nebenstra\u00dfen = 6.404 qm Ausbau und Asphaltierung; Kirchenplatz, Hauptschuleingang = 702 qm Ausbau und Asphaltierung. 2. Kanalisation: Jahnstra\u00dfe, Brixentaler Stra\u00dfe, Volksschule, Gemeinde, M\u00fchle = 250 Meter in 4 Meter Tiefe verlegt, 350 Meter in 3 Meter Tiefe verlegt. 3. Wegbauten, Neubeschotterung von Wegen und Stra\u00dfen, Walzung: Alte Stra\u00dfe im Lahntal: 1.200 qm; Wege zu Egerndorf: 2.200 qm; Wege in Winkl: 1.300 qm; Diverse Stra\u00dfen: 8.000 qm; Fu\u00dfweg, Sebastianquelle, Badl Neuanlage: 800 qm. 4. Gewinnung und Herstellung von Schotter: Grundbaustein, wei\u00dfe Kalksteine, M\u00fcllnertal: 541 m\u00b3; rote Kalksteine, Winkl: 600 m\u00b3; Walzschotter, rote Kalksteine, Winkl: 400 m\u00b3; wei\u00dfe Kalksteine: 353 m\u00b3, Asphaltriesel: 294 m\u00b3, Schotter und Sandgrube von Badl-Bachl: 200 m\u00b3. 5. Herstellung von Betonrandsteinen: M\u00fcllnertal: 1.600 laufende Meter. 6. Herstellung von Kanalisationsrohren: M\u00fcllnertal: 1.600 laufende Meter. 7. Bau der Skisprungschanze: Schanze 3-25 Meter breite Fahrbahn, Waldrodung, 36 Meter lange Anlaufbahn, Sprungweite bis 60 Meter, Sprungtisch und Preisrichterb\u00fchne: 300 Arbeiterschichten. 8. Rodung der alten Alleeb\u00e4ume zur Verbreiterung der Bahnhofzufahrt: 32 Kastanienb\u00e4ume ausgegraben: 150 Arbeiterschichten; 32 Kastanienb\u00e4ume in breitem Abstand neu versetzt: 50 Arbeiterschichten. 9. Neuanlage eines Wasserbeckens im Winkl. 10. Herstellung neuer Einfriedungen. 11. Ausbau der Gemeindekanzleien: Aufwand f\u00fcr Material und Arbeit: 7.500 Schilling. 12. Ausbau der Notstandsk\u00fcche: 800 Schilling. 13. Waschhaus und H\u00f6lzlage z. M\u00fchle: 600 Schilling. 14. Eine Reihe kleinerer Arbeiten: Kircheneingang, Ausgestaltung der R\u00e4ume f\u00fcr Elektrizit\u00e4tswerk usw.: 200 Schilling.<\/p>\n<p>(3) Seit Anfang Mai mu\u00dfte die weitere Auszahlung von Schwundgeld auf Befehl der Bezirkshauptmannschaft eingestellt werden. Es l\u00e4uft nun noch ein Rekurs an den Verwaltungsgerichtshof, ohne aufschiebende Wirkung, auf den die Gemeinde ihre letzte Hoffnung setzt.<\/p>\n<p>(4) Vergleiche auch einen Artikel &#8220;Die W\u00f6rgler Arbeitsscheine&#8221; in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. April 1932 von &#8220;fachm\u00e4nnischer Seite&#8221;.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen des Herausgebers Klaus Schmitt<\/strong><\/p>\n<p>* Dieser ungek\u00fcrzte Nachdruck aus der konservativen Zeitschreift &#8216;St\u00e4ndisches Leben&#8217; 6\/ 1933 (Hg.: Othmar Spann), S. 306ff., ist der unvoreingenommene Bericht eines neutralen Beobachters des W\u00f6rgler Schwundgeld-Experiments.<\/p>\n<p>** Wie u. a. der ehemalige franz\u00f6sische Ministerpr\u00e4sident Daladier. In einer Rede vor seinen Parteigenossen von der Radikalsozialistischen Partei wendet er sich gegen die staatliche &#8220;Planwirtschaft&#8221;, die er w\u00e4hrend einer Reise in die Sowjetunion studiert hatte, und propagiert statt dessen das W\u00f6rgler Schwundgeld. In dieser Rede beruft er sich auf Turgot, zitiert Proudhon und forderte die Wiederbelebung der Tradition der &#8220;Bewegung von 1789 in wirtschaftlicher Hinsicht&#8221; offenbar die der klassischen Physiokraten (Eduard Daladier&#8230; \u00fcber Wirtschaftsreform und Freigeld, Sonderdruck zu &#8216;Die Freiwirtschaft&#8217;, Kitzb\u00fchl, Tirol.).<\/p>\n<p>Zitat verf\u00fcgbar unter: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/%7Eroehrigw\/schmitt\/text6.htm\">http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/schmitt\/text6.htm<\/a> [Datum des Zugriff: 24.10.09]<\/p>\n<p>Weitere Beitr\u00e4ge:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Regiogeld\" target=\"_blank\">Regiogeld<\/a> in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/W\u00f6rgl\" target=\"_blank\">W\u00f6rgl<\/a> (1932)<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.unterguggenberger.org\/\" target=\"_blank\">Unterguggenberger Institut<\/a><\/li>\n<li>9\/2003: Thomas Wendel: <a title=\"Der Geldzauber\" href=\"http:\/\/www.brandeins.de\/archiv\/artikel\/der-geldzauberer.html\" target=\"_blank\">Der Geldzauberer<\/a> (brand eins)<\/li>\n<li>06\/2003: Peter M\u00fcller: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2003\/06\/Zinsgeschichte\" target=\"_blank\">Ein paar Prozent Streit<\/a> (Die Zeit)<\/li>\n<li>4\/2003: Bayern 2 Radio: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/audios\/geldwunder\/\" target=\"_blank\">Das Geldwunder von W\u00f6rgl<\/a> (mp3, 28 MB)<\/li>\n<li>1997: Werner Onken: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/onken\/modell\/swf\/\" target=\"_blank\">Schwanenkirchen, W\u00f6rgl und andere Freigeldexperimente<\/a> (html, ca. 30 Seiten)<\/li>\n<li>5\/1996: Thomas H. Wendel: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/spiegel\/\" target=\"_blank\">Das Geldwunder von W\u00f6rgl<\/a> (Spiegel Spezial, 1 Seite)<\/li>\n<li>1996: Bernd Senf: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/senf\/woersenf.html#woegl\" target=\"_blank\">Das &#8220;Freigeld-&#8220;Experiment von W\u00f6rgl<\/a> (html, ca. 4 Seiten)<\/li>\n<li>1983: Annette Richter: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/woergl\/richter.htm\" target=\"_blank\">Das Wirtschaftswunder von W\u00f6rgl<\/a> (html, ca. 4 Seiten)<\/li>\n<li>1951: Fritz Schwarz: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/woergl\/\" target=\"_blank\">Das Experiment von W\u00f6rgl<\/a> (html, ca. 80 Seiten)<\/li>\n<li>1934: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unterguggenberger\" target=\"_blank\">Michael Unterguggenberger<\/a>: <a href=\"http:\/\/www.reinventingmoney.com\/documents\/worgl.html\" target=\"_blank\">The End Results of The Woergl Experiment<\/a><\/li>\n<li>1933: Alex von Muralt: <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~roehrigw\/schmitt\/text6.htm\" target=\"_blank\">Der W\u00f6rgler Versuch mit Schwundgeld<\/a> (html, ca. 15 Seiten)<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Die Idee lebt weiter, &#8211; siehe der <a title=\"Freigeld\" href=\"http:\/\/www.chiemgauer.info\/\" target=\"_blank\">CHIEMGAUER<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>mehr zum Thema unter <a title=\"Geldforum\" href=\"http:\/\/www.geldforum.de\" target=\"_blank\">http:\/\/www.geldforum.de<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Die <a title=\"W\u00d6RGL\" href=\"http:\/\/www.woergl.at\/\" target=\"_blank\">Stadt W\u00f6rgl<\/a> in Tirol im WWW<br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tiroler Gemeinde W\u00f6rgl; die bis dahin ein recht stilles und bescheidenes Dasein f\u00fchrte, macht seit einigen Monaten viel von sich reden, selbst im Ausland, in der Schweiz und vor allem in Amerika, wo der Name W\u00f6rgls, wie man mir sagte, bald bekannter sein wird, wie derjenige Spenglers, und wo der Begriff W\u00f6rgl ein w\u00e4hrungspolitisches Programm umschlie\u00dft. Diesen Ruhm verdankt W\u00f6rgl seinem t\u00fcchtigen B\u00fcrgermeister Michael Unterguggenberger, einem langj\u00e4hrigen Anh\u00e4nger der Silvio Gesellschen Freigeldlehre.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[3],"tags":[41,42,47,54,81,99,110,123],"class_list":["post-627","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anmerkungen","tag-finanz","tag-freigeld","tag-geld","tag-kommunal","tag-organisation","tag-selbstorganisation","tag-system","tag-zinsen"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4P9dN-a7","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/627"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=627"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/627\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/bmoblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}