{"id":245,"date":"2019-08-02T19:06:27","date_gmt":"2019-08-02T17:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/selbstvertrauen\/?p=245"},"modified":"2022-01-25T18:29:34","modified_gmt":"2022-01-25T17:29:34","slug":"funktionrolle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.eisner-consulting.at\/selbstvertrauen\/2019\/08\/02\/funktionrolle\/","title":{"rendered":"Exkurs zum Thema Funktion und Rolle"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Funktion und Rolle sind in der sozialen Realit\u00e4t eng nebeneinander liegende Ph\u00e4nomene, die f\u00fcr sich genommen recht unterschiedliche Bedeutung haben. Dies zu veranschaulichen soll mit dem Begriff \u201eLehrer!n\u201d getan werden (trifft jedoch sinngem\u00e4\u00df im Prinzipiellen auf jede berufliche Funktion zu). Eine Lehrperson, die eine bestimmte Lehrfunktion ausf\u00fcllt, tut dies im Rahmen unterschied\u00adlicher sozialer Rollen. Diese k\u00f6nnen z. B. folgende sein, InitiatorIn, F\u00fchrer!n, Coach, Koordinator!n, Verhandler!n, Mentor!n, Pr\u00fcfer!n, Erzieher!n etc. Die Funktion als Lehrer!n, verbunden mit Leitungs\u00adaufgaben erfordert eine hohe Rollenplastizit\u00e4t. Damit dies ad\u00e4quat erf\u00fcllt werden kann, ist ein Kennen der eigenen St\u00e4rken und Kompetenzen, als auch das Erkennen m\u00f6glicher Entwicklungsfenster, wichtig. Also, \u201eLehrer!n\u201c ist die Funktion, welche in verschiedenen sozialen Rollen real gelebt wird.<\/p>\n<p>Unter Funktion ist eine erworbene, verliehene, vereinbarte oder fest\u00adge\u00adlegte Rah\u00admen\u00adbedingung in einer sozialen Gemeinschaft, die an beidseitig abge\u00adsprochene T\u00e4tig\u00adkeiten gebunden ist, zu ver\u00adstehen. Davon unterscheidet sich eine Rolle. Diese ist ein eigenes oder durch Fremdwahrnehm\u00adung ge\u00ad\u00adw\u00e4hltes Verhaltens\u00admuster, das abgesprochen oder unabgesprochen in der sozialen Gemein\u00adschaft ausge\u00fcbt wird (vgl. Pechtl, 1995). Veranschaulicht kann dies mit folgender Tabelle werden:<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<th style=\"width: 23.4%;\">Funktion<\/th>\n<th style=\"width: 26.6%;\">T\u00e4tigkeiten<\/th>\n<th style=\"width: 25%;\">Rolle(n)<\/th>\n<th style=\"width: 25%;\">Position<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 23.4%; text-align: left; vertical-align: top;\">Lehrer!n (Klassenleitung)<\/p>\n<p>Die Funktion definiert sich durch Aufgaben.<\/td>\n<td style=\"width: 26.6%; text-align: left; vertical-align: top;\">bewerten, beurteilen, entscheiden, anleiten, leiten, kontrollieren, animieren, initiieren, managen, unterst\u00fctzen, \u2026<\/td>\n<td style=\"width: 25%; text-align: left; vertical-align: top;\">Initiator!n, Koordinator!n, F\u00fchrer!n, Verhandler!n, Mentor!n, Manager!n, Erzieher!n, \u00a0Vorbild, Tr\u00f6ster!n, Kritiker!n, \u2026<\/td>\n<td style=\"width: 25%; text-align: left; vertical-align: top;\">Mitarbeiter!n (Klassenlehrer!n)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 23.4%; text-align: left; vertical-align: top;\">Was ist die Aufgabe?<\/p>\n<p>z.B.: Stellenbeschreibungen oder wie hier bei einer Lehrer!n das SchOG, SchUG &#8230;<\/td>\n<td style=\"width: 26.6%; text-align: left; vertical-align: top;\">\u2026 mit der Aufgabe verkn\u00fcpfte T\u00e4tigkeiten<\/td>\n<td style=\"width: 25%; text-align: left; vertical-align: top;\">Welche sozialen Rollen werden eingenommen? Wie wird die Funktion gelebt?<\/td>\n<td style=\"width: 25%; text-align: left; vertical-align: top;\">Welche Befugnisse sind mit der Funktion verbunden (Autorit\u00e4t, Macht)?<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>F\u00fcr die Aus\u00fcbung der Funktion Lehrer!n sind zahlreiche B\u00fcndel an Fertigkeiten und F\u00e4higkeiten (Kompetenzen) vorauszusetzen. Exemplarisch sollen hier einige Kompetenzen angef\u00fchrt werden, welche f\u00fcr die p\u00e4dagogische Arbeit als zentral erscheinen: a) Kontakt herstellen und tragf\u00e4hige Beziehungen gestalten; b) zielgerichtetes Einrichten und Betreuen einer f\u00f6rderlichen Lernumgebung; c) einen eigenen Standpunkt vertreten k\u00f6nnen ohne andere Mein\u00adun\u00adgen und Ansichten zu ignorieren (d.h. auch zu konstruktiver Auseinandersetzung f\u00e4hig und bereit sein) und d) Konflikte so beeinflussen k\u00f6nnen, dass zielgerichtetes und produktives Lernen gew\u00e4hrleistet bleibt.<\/p>\n<p>So gesehen ist f\u00fcr die Lehrt\u00e4tigkeit nicht die fachliche Kompetenz allein entscheidend, es sind vor allem auch sozialpsychologische Kenntnisse, methodische Kenntnisse der Analyse und Plan\u00adung und das Geschick im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die eine entsprechende Qualifizierung aus\u00admachen. Sinngem\u00e4\u00df trifft dies f\u00fcr jede berufliche Aufgabe zu. Anstatt von Kindern kann dann \u00e4quivalent von Kolleg!nnen und Mitarbeiter!nnen gesprochen werden.<\/p>\n<p>Funktion\/Rolle\/Position (ein theoretischer Exkurs)<\/p>\n<p>Die Funktion: In metatheoretischen Abhandlungen zum Thema interaktiver Ph\u00e4nomene und Rolle (Schrey\u00f6gg, 1992; Wiswede, 1977) wird Funktion nicht als explizites Konstrukt interaktiven Geschehens in sozialen R\u00e4umen beschrieben. Am ehesten wird dort Funktion erkennbar, wenn von normativen und institutionellen Rollencharakteristika die Rede ist. Eine explizite begriffliche Trennung unternimmt Thonhauser (2004), in dem er Funktion und Rolle als getrennte\u00a0 Elemente des semantischen Raums rollentheoretischer Begriffe anf\u00fchrt. Pechtl (ebd.) versucht Funktion und Rolle mit einer definitorischen Differenzierung darzustellen. Dabei versteht Pechtl Funktion als \u201eeine erworbene, verliehene, vereinbarte oder festgelegte Rahmenbedingung in einer sozialen Gemeinschaft, die an beidseitig abgesprochene T\u00e4tigkeiten gebunden ist\u201c. F\u00fcr eine Unterscheidung zwischen Funktion und Rolle spricht, dass funktionale Erwartungen in einem sozial\/interaktiven Raum nicht an eine bestimmte Person im engeren Sinne gebunden sind. Eine Funktion kann von unterschiedlichen Personen wahrgenommen werden, wenn diese bereit und\/oder verpflichtet sind, die damit gekoppelten Aufgaben auszuf\u00fchren (z.B. Sch\u00fcler, Lehrer, Schulpsychologe, Leitung, Vorstand, Buchalter, Maurer, \u2026). Als eine Variation sind dabei Funktionen anzusehen, die nicht gewechselt oder abgelegt werden k\u00f6nnen. Als solche sind z.B. die Funktion Vater, Mutter, Kind o.\u00e4. zu z\u00e4hlen. Diese Funktionen als Differenzierungselemente der prim\u00e4ren Sozialstrukturen bleiben \u00fcber die Lebensspanne bestehen, auch wenn sie mit dem Laufe der Zeit und je nach Situation im Rahmen unterschiedlicher Rollenmuster wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Die Rolle: Geht man nach obiger Darstellung davon aus, dass sich Funktionen auf das \u201awas\u2019 beziehen, so fokussiert eine Rolle auf die Art und Weise \u201awie\u2019 eine bestimmte Funktion ausgef\u00fcllt und gelebt wird. Die Rolle beschreibt den sozialen Vollzug des Individuums im sozialen Feld, mit dessen Interaktionspartnern oder mit Dingen.<\/p>\n<p>Ausgehend vom Tr\u00e4ger der Rolle, hier der Mensch, ist anzunehmen, dass die gelebte Rolle durch psychische und somatische Einfl\u00fcsse sowie soziale Handlungen selbst bestimmt wird.<\/p>\n<p>In der psychodramatischen Rollentheorie wird dies in drei aktionalen Rollenformen repr\u00e4sentiert. Dort werden psychosomatische, psychodramatische und soziodramatische Rollen (Hochreiter, 2004;\u00a0 Petzold &amp; Mathias, 1982) unterschieden, welche zusammen das Rollenintegral bilden (Petzold &amp; Mathias, ebd.).<\/p>\n<p>Eine Rolle unterscheidet sich dahingehend, ob sie prim\u00e4r interaktionistisch betrachtet wird oder ob intrapsychische Aspekte in den Vordergrund r\u00fccken. Grunds\u00e4tzlich werden alle drei oben zitierten Rollenformen aktiviert sein, die Frage allerdings ist, in welcher Intensit\u00e4t, Balance und Kongruenz dies jeweils der Fall ist.<\/p>\n<p>Klassische <em><strong>soziale Rollen<\/strong><\/em> entstehen im interaktiven Geschehen zwischen Individuen und sind von wechselseitigen Erwartungen in Bezug auf Handlungen und Haltungen gekennzeichnet. Im theoretischen Konzept des symbolischen Interaktionismus (Mead, zit. n. Schrey\u00f6gg, ebd.) ist dies vergleichbar mit externen (vermuteten) Rollenzuschreibungen, die das soziale Ich pr\u00e4gen und welches dort als \u201eme\u201c bezeichnet wird. Auf eine \u00e4hnliche Grundlage reflektiert auch die Definition von Rolle bei Pechtl (ebd.) welche dieser als \u201eein eigenes oder durch Fremderwartung gew\u00e4hltes Verhaltensmuster, das abgesprochen oder unabgesprochen in der sozialen Gemeinschaft ausge\u00fcbt wird\u201c, beschreibt. Immer sind dabei sog. Zuschreibungsprozesse grundlegend (vgl. Schrey\u00f6gg, ebd.).<\/p>\n<p>Die soziale Rollenform st\u00fctzt sich individuell gesehen auf psychische und somatische Muster mit spezifischen Typologien, die wiederum als Rollenerleben interpretiert werden k\u00f6nnen. Stark ausgepr\u00e4gte (intra-)psychische Rollen entstehen beispielsweise in einem Zustand starker Fokussiertheit beim Spiel in einem digital virtualisierten Raum (Computerspiel). Dabei wird ein bestimmtes psychisches Rollenmuster (oder mehrere), eingenommen. Dieses Rollengeschehen unterscheidet sich von Rollen im dreidimensionalen sozialen Erlebensraum durch die Qualit\u00e4t des Feedbacks und den meist ausgepr\u00e4gten trance\u00e4hnlichen Zustand der virtuell interagierenden Person.<\/p>\n<p>In der Rollentheorie des Psychodramas werden die <em><strong>psychodramatischen Rollenformen<\/strong><\/em> im Wesentlichen in zwei Kategorien aufgeteilt (vgl. Hochreiter, ebd.;\u00a0 Petzhold &amp; Mathias, ebd.). Einmal die Rollen der reinen Fantasiewelt (wie z.B. M\u00e4rchengestalten, Geister, Feen, etc.) und dann Rollen die imaginiert, quasi kognitiv repr\u00e4sentativ realisiert werden (z.B. der Lehrer, ein(e) Spielgef\u00e4hrtIn, Vater, Mutter, etc.). Die Wurzel f\u00fcr die psychischen Rollenformen kann in dem, was Mead (zit. n. Schrey\u00f6gg, ebd.) als \u201eI\u201c versteht gesehen werden. In diesem \u201eI\u201c fokussieren sich psychische und psychologisierte somatische Bed\u00fcrfnisse als Vitalkraft.<\/p>\n<p>Somit bleibt noch ein kurzer Blick auf die <em><strong>somatischen Rollen<\/strong><\/em>. Sie bilden gleicherma\u00dfen die Verhaltenskontur des Organismus und sind als Kontaktgrenze zwischen psychischen und sozialen Rollenformen im Sinne eines eigenen geschlossenen Systems zu verstehen. Als solches wiederum organisiert es Austauschprozesse mit den beiden anderen Rollenformen. Zur Verdeutlichung somatischer Rollen kann exemplarisch genannt werden: Der\/die Sitzende, der\/die Blickende, der\/die Essende, der\/die Schlafende, der\/die F\u00fchlende, usw.<\/p>\n<p>(J. Eisner, 2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Funktion und Rolle sind in der sozialen Realit\u00e4t eng nebeneinander liegende Ph\u00e4nomene, die f\u00fcr sich genommen recht unterschiedliche Bedeutung haben. 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